Eine Generation geht von uns.

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Eine Generation geht von uns.

Eine Generation geht von uns. Es ist die Generation unserer Lehrer.

Es war Anfang September 1958. Das neue Schuljahr begann. Auch die Klasse 2 a war zum Morgenappell angetreten. Irgendwie hatten wir schon erfahren, dass unsere Klassenlehrerin nicht mehr in die Schule kommt, weil sie ein Baby hat. Wir wussten nicht wer unser neuer Lehrer wird.

Vermutlich musste irgendjemand melden, dass die Klasse 2 a angetreten ist. Plötzlich stand ein großer schwarzhaariger Mann vor uns. Er hatte dichte schwarze Augenbrauen und schaute sehr ernst. Der Schuldirektor sagte: „Das ist Herr Zickert, er ist nun euer Lehrer.“ Zunächst hatte die ganze Klasse Angst. Er war unser Lehrer für Mathematik und Sport. Von der 2. bis zur 7. Klasse war er unser Klassenlehrer. In Sport gehörte ich eher zu den Nieten. Mathematik machte mir keine Probleme. Ich erinnere mich, dass ich in der 4. Klasse schon 2 Wochen vor den Sommerferien frei bekam, weil meine Eltern eine Urlaubsplatz auf Usedom ergattert hatten.

Damals machten Lehrer auch Hausbesuche. Ich sass nachmittags hinter dem Stall auf einer Weide und las ein Buch. Erschrocken bemerkte ich dass Herr Zickert unter dem Baum stand. Er wollte mit meinen Eltern sprechen. Keine Ahnung, was gesprochen wurde. Von meiner Mutter habe ich gehört, dass meine Eltern dem Lehrer sagten, dass sie sich Sorgen machen, weil ich so viel lese. Herr Zickert sagt ihnen, dass ist kein Problem. Lesen bildet und irgendwann wird es ihm auch in der Schule helfen.

Wenn ich darüber nachdenke, wodurch hat mich Herr Zickert besonders geprägt, dann fallen mir zwei Dinge ein.

Eins davon ist meine Schrift. In der ersten Klasse haben wir Schönschrift geübt und man war bemüht so schön zu schreiben wie die Lehrerin. Herr Zickert war Mathematiker. Wenn mehr als Zahlen an die Tafel zuschreiben waren, dann ging das sehr schnell und zügig, aber nicht in Schönschrift. Nach und nach hat sich meine Schrift diesem Schriftbild angenähert. Dieser aus meiner Sicht signifikante Einfluß hat Jahrzehnte später dazu geführt, dass der Direktor des Forstbetriebes in mein Büro kam und mich aufforderte mitzukommen. In seinem Vorzimmer saß die Chefsekretärin und heulte. Der Direktor sagte“ Sehen sie was sie angerichtet haben?“ Damals mussten alle Schriftstücke von der Sekretärin abgetippt werden. Mein Manuscript für eine Arbeitsschutzanweisung konnte sie nicht entziffern.

Ab der 5. Klasse kamen auswärtige Schüler aus den umliegenden Dörfern dazu. Aus 2 Klassen wurden 3 Klassen neu zusammengestellt. Wir blieben die 5 a. Im Matheunterricht hatte ich mich gemeldet. Her Zickert zeigte auf mich und sagte Gustav. Die ganze Klasse lachte. Herr Zickert rechtfertigte seinen Versprecher: G wie Günter oder Gustav, dass ist doch egal.“ Seit diesem Tag war ich in der Schule Gustav.

Später in der Lehre unterhielten wir uns über frühere Spitznamen. Gustav gefiel meinen neuen Kumpels so gut, dass ich wieder der Gustav war. Später als Holzplatzarbeiter oder Holzhauer im Technikkomplex war ich der Lange. 1978 begann ich nach einigen Jahren in der Praxis mit dem Studium in Tharandt. Es begann mit einem Ernteeinsatz. Die Jungs und Mädels der Seminargruppe waren 6 bis 10 Jahre jünger als ich. Trotzdem rief  nach Feierabend im Speisesaal einer „Mensch Gustav, wo kommst du denn her?“. Es war der jüngere Bruder eines Kumpels aus der Lehrzeit. Also war ich wieder Gustav. Der urspüngliche Anlass war aber der Versprecher von Herrn Zickert.

Im Jahr 2007 gab es 50 Jahre nach der Einschulung ein Klassentreffen, dass wir der Initiative von Herrn Zickert zu verdanken hatten. Ein weiteres Treffen gab es 2012 und am 1. September 2017 ein Treffen zum 60. Jahrestag der Einschulung. Beim Stadtfest mussten wir Schulanfänger von 1957 auf die Bühne und die Schulanfänger von 2017 beglückwünschen. Bei allen Treffen war Herr Zickert nicht nur dabei, sondern er hat sie mitorganisiert.

   

So hat uns Herr Zickert nicht nur 6 Jahre als Klassenlehrer geprägt. Aus anfänglicher Angst vor dem grossen schwarzhaarigen Mann wurde mit den Jahren Stolz, dass wir so einen tollen Lehrer hatten. Mit den Klassentreffen hat er dazu beigetragen, dass seine Schüler, die sich längst aus den Augen verloren hatten in einem Alter, wo viele von uns schon Omas oder Opas sind wieder Kontakt gefunden haben.

Ich hatte erwartet, dass wir spätestens im Jahr 2022 wieder ein Klassentreffen mit Herrn Zickert haben.

Im Urlaub mit Enkeln in Frankreich habe ich im Internet eine Zeitungsmeldung gefunden. Die Stadt Seelow verliert Sport-Ikone stand in der Zeitung.

Der frühere Sportlehrer und Trainer Manfred Zickert ist im Alter von 79 Jahren verstorben. Ich hätte ihm ein höheres Alter gewünscht und bei einem Sportler auch erwartet. Ein Wiedersehen beim nächsten Klassentreffen wird es nicht geben.

Jeder wird sich unterschiedlich an ihn erinnern. Im Laufe der Ausbildung ist man vielen Lehrern begegnet. Die Erinnerung an Herrn Zickert bleibt etwas Besonderes.

 

Author : Gustav

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