Tramper 1968

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Tramper 1968

Tramper 1968 waren wir, weil die Lehrlingsrente nicht so üppig war. Wenn man mal nach Hause wollte, kostete die Fahrkarte ermäßigt immer noch etwa 9,50 Mark der DDR. Einzeln oder auch oft mit meinem Kumpel aus Berlin vom Hauptbahnhof Rostock zu Fuß bis zur Fernstrasse die von Rostock nach Süden führte. Die Autobahn von Rostock nach Berlin gab es damals noch nicht.

Um Vorteile vor den anderen Trampern zu haben zogen wir unsere Forstlehrlingsuniform mit Forsthut an. Oft klappte es gut und wir kamen schnell und billig bis in den S- Bahnbereich von Berlin.

Zwei Reisen sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Wir standen am Ortsausgang Rostock in Richtung Süden. Es näherte sich ein bunter VW- Bus. Er hielt weit vor uns an und ein junger Mann stieg ein.

Der Bus näherte sich und hielt auch bei uns an. Er war schon voll besetzt, aber irgendwie passten wir da noch rein. Der Bus hatte ein dänisches Kennzeichen. Außer dem Studenten aus Rostock, der vor uns eingestiegen war saßen schon 8 Leute im Auto. Fahrer war ein Westdeutscher, der erzählte, dass er aus Norddeutschland stammt, aber in Dänemark lebte, weil er nicht zur Bundeswehr wollte. Seine Haare und auch die Haare seiner Mitfahrer waren etwas länger, als wir uns das leisten durften. Von den 7 Mitfahrern waren 3 Mädels und 4 Jungs. Nachdem wir zugestiegen waren saßen 11 Leute im Bus, der 8 Plätze hatte. Sicherheitsgurte gabs noch nicht, aber es war so eng, dass man sehr fest saß.

Ich weiß noch, dass ich ganz vorne rechts saß. Zwischen dem Fahrer und mir noch ein junges Mädel. Also zu dritt auf 2 Plätzen. Auf den Sitzen dahinter hatte der Student Platz gefunden. Ich glaube mein Kumpel hat es sehr genossen, dass er auf der Rückbank zu viert eine von den Mädels fast auf dem Schoß hatte, oder eine sich quer auf die Beine der Anderen legte.

Die Verständigung ging nur mit Englisch, aber oft musste der Fahrer übersetzen. Wir erfuhren, dass sie eine linke Gruppe sind. Sie wollten in Berlin zum Berliner Ensemble und danach über den Check Point Charlie nach Westberlin.

Es war für uns DDR Jungs unfassbar, aber sie rauchten Gras und erklärten, dass sie so die besten revolutionären Ideen hätten.

Ich erinnere mich, dass sie in Stavenhagen eine Pause machten. Einige pinkelten einfach im Park hinter einem Busch. Auf einem Spielplatz tobten sie auf den Schaukeln und Wippen herum. Sie waren sicherlich älter als wir, aber bei diesem kindischen Anblick kamen wir uns schon ziemlich erwachsen vor.

Es war noch hell, als wir durch das mecklenburgische Hügelland fuhren. Wir versuchten zu erklären, das wir durch eine sehr steinreiche Gegend fuhren, wegen der Findlinge, die die Eiszeit aus Skandinavien mitgebracht hat. Deshalb gibt es hier steinreiche Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften. Sie hatten verständnislos zugehört. Erst nachdem der deutsche Fahrer ins dänische übersetzt hatte brach lautes Gelächter aus.

Es war eng und heiß im Bus, aber die Zeit verging sehr rasch. Als wir in Oranienburg am S- Bahnhof aussteigen wollten, boten sie an, dass sie uns am Checkpoint Charlie mit nach Westberlin nehmen könnten. Wir könnten doch danach noch unsere Familien zu Hause besuchen.

Es wurde doch deutlich, dass wir und sie zwar linke Positionen vertraten, aber in den Erfahrungen uns doch Welten trennten. Für sie war grenzenloses Reisen selbstverständlich. Deshalb war es für sie unverständlich, dass wir nicht mal kurz nach Westberlin wollten. Wir wussten vielleicht nicht viel, aber das der Versuch mitzufahren für uns im Knast geendet hätte war uns sonnenklar. Also stiegen wir in Oranienburg aus und fuhren brav zu den Eltern.

Die Fahrt hatte uns durch Südmecklenburg und Nordbrandenburg geführt. Damals wusste ich noch nicht, dass ich in dieser Gegend 26 Jahre meines Berufslebens zubringen würde bis zur Versetzung in den Ruhestand.

Author : Gustav

Gustav

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