Erinnerungen an „Quitschi“

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Erinnerungen an „Quitschi“

Erinnerungen an „Quitschi“ sind Erinnerungen an unsere Zeit als Forstlehrlinge in Bad Doberan. Am 31.August 1967 im Internat der Betriebsberufsschule Forst angekommen, gab es am 1. September die erste Einweisung durch unseren Klassenlehrer. An diesem Tag sagte er uns  „Jungs so wie ihr jetzt ausseht ist das in Ordnung, aber wenn die Haare länger werden gibt es Probleme. Unser Problem wurde, dass man vor einer Heimfahrt seine Genehmigung brauchte. Wenn die Haare zu lang waren hieß es „Ab zum Friseur und stellen sie sich danach wieder vor.“

In den Schulwochen war er unser Mathematik- und Physiklehrer. Unsere schriftlichen Hausarbeiten quittierte er oft mit „n.e.“. Das bedeutete noch einmal. Einige hatten es mit ihm besonders schwer. Wer an der Tafel eine Aufgabe nicht lösen oder erklären konnte, bekam Titel wie „mathematischer Säugling“ oder „physikalischer Embrio“.

Da er mit Mitte 30 schon eine Glatze trug, vermuteten wir bald, dass die Probleme mit unseren Haaren der blanke Neid sind. Irgendwann kam der Spitzname „Quitschi“ auf.

Wenn man mit Kumpels etwas ausgefressen hatte, dann gab es Einzelgespräche bei ihm. Ich erinnere mich, dass er einmal sagte “ Einzeln seid ihr gute Kerle, nur in der Meute seid ihr furchtbar“.

Auch zum Eintritt in die SED sollte er uns werben. Ich erklärte damals, dass ich meine Jugendsünden nicht vor einer Partei verantworten möchte.

Ausserschulisch nahm ich an seinem Mathezirkel teil. Mathematik hat mich wirklich interressiert und ausserdem gab es im Mathezirkel auch schlaue Mädels aus dem Internat der Erweiterten Oberschule (EOS).

Das Lehrjahr insgesamt hatte es nicht leicht mit ihm und er vermutlich nicht immer leicht mit uns.

Rückblickend fragen sich heute Viele „Warum hatten wir soviel Angst vor einem Mitte 30?“

Er war für uns eine Respektsperson. Oft hatten wir den Eindruck, dass er für einen Lehrer zu schlau ist, aber es zum Professor nicht gereicht hat.

Von den Lehrkräften der BBS Forst war er der Einzige, der bis auf eine Ausnahme an jedem unserer Klassentreffen teilgenommen hat. So konnten wir in vielen Jahren auch den Menschen „Quitschi“ kennenlernen. Wir, seine Klasse an der BBS Forst müssen wohl in seinen vielen Jahren als Lehrer auch für ihn etwas Besonderes gewesen sein.

Ich denke, Jeder der ehrlich ist muß sich eingestehen, dass „Quitschi“ unser Berufsleben und unsere Lebenseinstellung in den 3 Jahren Bad Doberan entscheidend geprägt hat.

Gestern war Freitag der 13. Bis Abends war nichts Schlimmes passiert. Im Fernsehen sahen wir Udo Jürgens mit Haaren bis auf die Schulter. Ich sagte, dass wir mit dieser Mähne in Doberan nie eine Genehmigung zur Heimreise bekommen hätten. Nurgis sagte plötzlich, dass sie vergessen hat mir zu sagen, dass für mich eine Mitteilung auf dem Anrufbeantworter ist. So erfuhr ich am Freitag dem 13. dass „Quitschi“ verstorben ist und am Montag in Bad Doberan beerdigt wird.

Es gibt schönere Anlässe für ein Klassentreffen. Trotzdem werden Einige von unserer Truppe ihm am Montag die letzte Ehre erweisen.

Author : Gustav

Gustav

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