Habe mit 9 die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft erlebt

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Habe mit 9 die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft erlebt.

Habe mit 9 die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft erlebt
Im 2. Schuljahr gab es für die jungen Pioniere zwei wichtige Probleme. Wer ist ein Ochsenkopf? Das sollte bedeuten „Wer sieht Westfernsehen?“.
Wann ist die Landwirtschaft vollgenossenschaftlich? Bei diesem Thema war ich zwischen Baum und Borke.

Meine Großeltern waren nach dem Krieg Flüchtlinge. Jenseits der Oder hatten sie den Bauernhof verloren. Der Bauernhof war schon sehr lange im Besitz der Familie. Sie wurden vom „Alten Fritz “ als Flüchtlinge aus dem katholischen Frankreich aufgenommen und in der Neumark angesiedelt. Mein Opa war der älteste Sohn und hatte den Hof in Rosenthal (heute Rozansko) von seinem Vater übernommen. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, dem sogenannten „Zusammenbruch“ war die Familie wieder auf der Flucht. Am Rand des Oderbruchs hatten sie als Neusiedler Bodenreformland erhalten und noch ein paar Hektar gepachtet.

  aus Abrißsteinen von Ruinen nach dem Krieg errichtet

Nachdem Neuanfang 1947 glaubte mein Opa an eine sichere Zukunft als Bauer. Zum Anfang wurde mit einer Kuh gepflügt. Später gab es zwei Pferde, Hassan und Bento. Das Getreide wurde von den Männern mit der Hand gemäht. Irgendwann wurde ein Dreschkasten und ein Mähbinder angeschafft.

    

Reiter auf Hassan und Opa

 mit Bento links, Hassan rechts

 Hühnerfutter

Bei den Pioniernachmittagen in der Schule wurden an der Karte des Landkreises Fähnchen gesteckt wo ein Dorf vollgenossenschaftlich ist.
Nur in der kleinen Stadt waren noch ein paar Einzelbauern. Darunter meine Großeltern. Meine Mutter, Onkel und Tante arbeiteten mit auf dem Bauernhof

. Das erste Auto ein DKW F 7

Mein Onkel hat zusätzlich Geld als Schichtfahrer auf einem Traktor der LPG verdient. Er war interessiert an der Technik.

Meine Mutter bekam den Rat von meinem Opa sich eine Arbeit zu suchen. Er sagte „Sonst musst du mit in die Kolchose.“
Sie fand Arbeit bei der Post als Zustellerin.

Die Bauern wurden von Agitatoren aufgesucht. Meist waren das der Bürgermeister, der Vorsitzende der LPG und ein Parteisekretär. Anfangs wollten meine Großeltern mit denen nicht reden. Meine Oma ließ die Hunde von der Leine, wenn sie kamen. Aber der Druck wurde immer stärker. Ich habe als Kind oft gehört, dass über Soll und Freie Spitzen gesprochen wurde. Das Soll war eine Mindestmenge von Produkten, die von den Bauern zu liefern war. Das Soll hatte niedrige Preise. Richtig Geld verdienen konnte man nur mit den Freien Spitzen. Später habe ich von meiner Mutter erfahren, dass den Einzelbauern dass Soll erhöht wurde. Damit wollte man sie ökonomisch zur Aufgabe zwingen.

Im Sommer hatte mein Onkel sich ein Bein gebrochen und lag im Krankenhaus. Er war damals jung und die Hauptarbeitskraft auf dem Bauernhof. Es gab für meine Großeltern keine Chance die Getreideernte ohne fremde Hilfe zu schaffen.  Auf gegenseitige Hilfe konnte nicht mehr gehofft werden. Inzwischen hatten viele alte Bauern ihre Höfe verlassen und waren in den Westen geflüchtet weil sie nicht in die LPG wollten.

An einem Tag war ich nach der Schule in der Kinderbibliothek des Kreiskulturhauses und habe mir Bücher ausgeliehen. Danach sollte ich zur Post kommen. Meine Mutter wollte im Krankenhaus ihren Bruder besuchen. Bei dem Krankenhausbesuch saß ich auf einem Stuhl und habe gelesen. Nach einiger Zeit klopfte es und Oma und Opa kamen in das Zimmer. Opa sagte „Junge wir haben unterschrieben. Wir können nicht mehr. Jetzt sind wir in der Kolchose.“
Oma und Opa weinten, meine Mutter und mein Onkel hatten Tränen in den Augen. Ich spürte, dass das ein sehr schwerer Moment war im Leben meiner Familie.

Nach einigen Tagen wurden die Tiere aus dem Stall geholt. Meine Grosseltern mussten zusehen wie die drei Pferde weggeholt wurden. Außer Hassan und Bento gab es noch Hans, das jüngste Pferd und das Lieblingspferd meines Onkels. Eine Kuh und einige Schweine durften individuell gehalten werden. Es war eine LPG Typ 3, wo nicht nur der Acker sondern auch der  Viehbestand kollektiviert wurde.

Es war ein starker schicksalhafter Einschnitt im Leben meiner Familie. Besonders schwer hat es nach meiner heutigen Einsicht meinen Opa getroffen, der von Jugend an als Bauer eigene Entscheidungen getroffen und umgesetzt hat. Nun mit etwa 60 Jahren musste er lernen sich unterzuordnen und teilweise fachlich falsche Entscheidungen der LPG zu akzeptieren.

Eine kleine private Gärtnerei wurde ebenfalls kollektiviert. Auf grosser Fläche wurde nun Gemüse angebaut. Opa und Tante arbeiteten im Gartenbau der LPG. Opa war zuständig für die Beregnung der Gemüsefelder wenn das Wetter zu trocken war. Er musste mit 63 in Rente gehen, weil der Rücken kaputt war, vielleicht auch von der Feuchtigkeit beim Beregnen der Felder. Oma blieb zu Hause und führte den Haushalt und kümmerte sich um die verbliebenen Tiere und uns Enkel.

Mein Onkel wurde Traktorist in der LPG. Ende der 60- ger Jahre war er einer der ersten, der einen K 700, einen sowjetischen Knickschlepper mit Panzermotor übernahm.

https://de.wikipedia.org/wiki/Kirowez_K-700

Meine Mutter hatte als Zustellerin bei der Post die Krankenhaustour im nördlichen Teil der Stadt. Mit schwer bepackten Posttaschen am Fahrrad verteilte sie nicht nur Briefe und Zeitungen. Sie ging im Krankenhaus in jedes Zimmer und bot im Freiverkauf Zeitungen und Zeitschriften an. So brachte sie der Post zusätzliche Einnahmen und den Kranken etwas Abwechslung. Dafür wurde sie mehrfach als Aktivist ausgezeichnet.

Es ist für mich auch fast 60 Jahre später schwer zu beurteilen, ob dieser Einschnitt im Leben der Familie gut oder schlecht war. Zuerst war es ein trauriger Moment. Später kam die Erfahrung , dass mein Onkel und meine Tante zumindest im Winter mal Urlaub hatten, was als Einzelbauern nicht möglich war. Trotzdem waren sie von der Arbeit in der LPG stark beansprucht und ihre Kinder Hanni und Manni sind in den Sommerferien mit meinen Eltern in Urlaub gefahren.

In meiner Schulzeit gab es ein Experiment. Weil ich damals schon Förster werden wollte kam ich in der 8. Klasse in die „Landwirtschaftsklasse“. Für meinen Opa war das ein Alarmsignal. Er sagte mir „Pass auf, dass sie dich nicht in die Kolchose stecken.“ Ab der 9. Klasse begann für einige Mitschüler die Berufsausbildung als Agrotechnicker parallel zum Unterricht. Nach einem weiteren Lehrjahr nach der 10. Klasse waren sie ausgebildete Agrotechnicker.

An dieser Ausbildung nahm ich nicht teil. Nach dem Abschluß der 10. Klasse konnte ich in Bad Doberan die 3- jährige Lehrzeit als Forstfacharbeiter mit Abitur antreten. Das war die Basis dafür, dass ich mein Berufsleben nach einigen Umwegen als Forstangestellter abschließen konnte. Die Warnung meines Großvaters mich nicht in die Kolchose stecken zu lassen hat mir rückblickend zu einem interessanten Berufsleben verholfen.

 Opa als Rentner etwa 70 Jahre alt

Nun bin ich der Opa. Mal sehen was ich den Kindern, die Opa zu mir sagen raten kann und was sie daraus machen.

Author : Gustav

Gustav

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