1971- Stasi in der Kaserne

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1971- Stasi in der Kaserne

1971- Stasi in der Kaserne, es begann mit einer Überprüfung in der Fernsprechvermittlung. Angeblich bestand die Fernsprechvermittlung mit Note 1. Der verantwortliche Unteroffizier erhielt Sonderurlaub. Erstaunlich war, dass der Stabschef ihm persönlich die Fahrkarte für den Zug übergab.

Wir haben den jungen Unteroffizier nie wieder gesehen. Er kam aus dem Sonderurlaub nicht zurück. Vermutlich war die Fahrkarte eine Fahrkarte zur Stasi.

Einige Tage später, vom 31. August zum 1. September war ich zur Wache eingeteilt. Nach 2 Stunden im Postenbereich konnte man 2 Stunden schlafen. Danach war man 2 Stunden Bereitschaftsposten im Wachlokal.

Am Morgen des 1. September erschienen zwei Männer in grauen Anzügen am Kasernentor. Sie zeigten Dienstausweise der Stasi vor und verlangten der Kommandeur zu sprechen.

Der Wachhabende sagte zu mir: „Führen sie die Genossen zum Kommandeur.“ Beim Kommandeur angekommen sagte der Kommandeur: „Sie sind doch auch vom Nachrichtenzug. Melden sie sich unten im Schulungsraum. Dort ist der Nachrichtenzug schon versammelt. Ich habe etwas anzusagen.“Nach einigen Minuten kam der Kommandeur mit den beiden Stasi- Leuten und dem VO (Verbindungsoffizier zur Stasi) in den Schulungsraum. Einzeln wurden wir in die Unterkunft geführt. Dort wurde das Bett auseinander genommen und das Spind durchsucht.

Bei mir wurden bemalte Bandmaße gefunden, von denen ich die letzten 150 Tage abschneiden wollte. Mit dem Kommentar das sei eine Tradition der Bundeswehr und in der Nationalen Volksarmee unwürdig wurden die Bandmaße einkassiert. Dann interessierte man sich für meine Post. Eine Postkarte von meinen Eltern aus dem Urlaub legten sie uninteressiert zur Seite. Ein Brief meiner Freundin wurde kurz überflogen und auch zur Seite gelegt. Mehr Interesse hatten sie an einem Brief eines Kumpels aus der Lehrzeit, der im selben Regiment, aber in einer anderen Abteilung diente. Diesen Brief lasen sie sich laut vor und bogen sich vor Lachen.

Mein Kumpel schrieb: “ Hey, habt ihr auch schon diese tierische Nachtübung gehabt? Erst Nachtschiessen, habe geschossen westlich wild aus der Hüfte. Ergebnis Volkseigentum unbeschädigt, aber Olga Kalaschnikowa, die Braut des Soldaten verschmutzt. Dann 20 Kilometer Nachtmarsch, die letzten Kilometer unter Vollschutz.  Im Morgengrauen grosser roter Appell, Blickwendung nach Osten und Kiefernnadeln nach Moskau ausgerichtet.“

Weiter schrieb er, dass er sich eine Woche einen Fetten machen konnte, weil er eine rote Wandzeitung bemalen sollte. Nebenbei habe er noch Vizetücher bemalt.

Mit dem Lesen fertig wurden die Minen ernst. Ich wurde gefragt, ob mein Kumpel mir auch ein Vizetuch schickt. Man erklärte mir, dass der Brief mitgenommen wird und meinem Kumpel unter die Nase gerieben wird.

Ich wusste, dass mein Kumpel die Briefe von anderen Soldaten und den Kumpels, die schon an der Uni waren in einem Hefter gesammelt hatte. Ich dachte oh Scheiß, wenn er den Hefter noch in der Kaserne hat, dann gibts an der Uni eine Massenexmatrikulation. Ich wusste, dass ich meinen Kumpel nicht warnen konnte, denn jedes Telefongespräch, Telegramm oder jeden Brief hätte die Stasi abgefangen oder mitgelesen. Also blieb mir nur einem Kumpel an der Uni zu schreiben, dass es Ärger geben könnte.

Zum Glück hatte mein Kumpel die gesammelten Briefe nicht mehr in der Kaserne. So blieb sein Brief bis auf das Gelächter der Stasi- Leute beim Lesen ohne spürbare Folgen.

 

 

Author : Gustav

Gustav

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